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Wissenschaft kompakt

La malkovro de la ?etfluo, oder die Entdeckung des Jetstreams


Eine kleine historische Exkursion über die Entdeckung des Jetstreams
vor etwa 100 Jahren.


In den letzten Tagen wurden vom Deutschen Wetterdienst wieder
vermehrt Windwarnungen herausgegeben, so zum Beispiel am gestrigen
Dienstag für fast gesamt Baden-Württemberg, vor Windböen mit
Windgeschwindigkeiten um 55 km/h (15 m/s, 30 kn, Bft 7). Zeitgleich
wurde im Hochschwarzwald oberhalb von 1000 Metern vor Sturmböen
zwischen 70 km/h (20 m/s, 38 kn, Bft 8) und 85 km/h (24 m/s, 47 kn,
Bft 9), in exponierten Lagen wurde sogar vor schweren Sturmböen um
100 km/h (28 m/s, 55 kn, Bft 10) gewarnt. Der Wind nimmt hier also
mit der Höhe zu, was in der atmosphärischen Grenzschicht (den ersten
mehreren hundert Metern über dem Boden) in erster Linie an der
Reibung liegt, sprich der Oberflächenrauigkeit liegt. Für die
gestrige "gelbe" Windwarnung bis in die Niederungen wurde zusätzlich
gewarnt vor höheren Windgeschwindigkeiten um 70 km/h in Schauernähe,
auch das ist mitunter ein Symptom der Windzunahme mit der Höhe, da in
den Schauern durch Abwinde Impuls aus größeren Höhen nach unten
gemischt werden kann.

Abbildung 1 zeigt eine Modellvorhersage für die Windgeschwindigkeit
über Deutschland für gestern um 18:00 UTC, zur Zeit der laufenden
Windwarnungen, auf vier Druckhöhen. Auf 925 und 850 hPa ist die
Zirkulation der sich von der Nordsee bis nach Nordpolen reichenden
Tiefdruckrinne erkennbar, außerdem die Windzunahme mit der Höhe
rückseitig der Zirkulation, auf 850 hPa (in 1,5 km Höhe, zum
Vergleich, der Feldberg ist 1,27 km hoch) beträgt der Mittelwind laut
Modell bereits um 40 Knoten. Weitere 4 km höher, bei 500 hPa, weist
der Mittelwind bereits Geschwindigkeiten um 60 Knoten auf, die
hochreichende Zirkulation über Nordpolen ist ebenfalls noch sichtbar.
Auf 300 hPa (etwa 10 km) ergibt sich ein anderes Bild, die farblich
unterlegte Abschätzung für die Windböen zeigt ein klar definiertes
Band maximaler Geschwindigkeiten. Der Mittelwind darin beträgt um die
100 Knoten, was 185 km/h entspricht.

Wenngleich die Winde auf 300 hPa in Abbildung 1 deutlich
hervorstechen, sind 185 km/h noch am unteren Ende der
Windgeschwindigkeiten, die insbesondere im Winter im Jetstream
möglich sind. Ganz grundlegend bilden sich diese Strahlströme (der
Begriff wurde 1939 von dem deutschen Meteorologen Heinrich Seilkopf
geprägt) als globale/hemisphärische Ausgleichsbewegungen aufgrund der
zu den Polen hin abnehmenden solaren Einstrahlung. Der Jetstream
entsteht dann mitunter im Bereich der Polarfront, einer Region
maximaler Temperaturunterschiede auf engstem Raum... (auf eine
weitere Unterscheidung zwischen Polarfront-Jet und Subtropen-Jet wird
hier bewusst verzichtet, der Fokus liegt schließlich auf dem
historischen Kontext). Es stellt sich in sehr guter Näherung ein
Gleichgewicht zwischen der aus dem Temperaturgradienten
resultierenden Druckgradientkraft und der Erdrotations-bedingten
Corioliskraft ein ? der sogenannte geostrophische Wind.

Über Deutschland war der Jetstream gestern von Nordwest nach Südost
ausgerichtet. Im Vergleich zu diesem mäandrierenden Jetstream zeigt
Abbildung 2 quasi dessen zonal von West nach Ost gerichteten
Grundzustand, hier auf 200 hPa und aus dem europäischen IFS Modell,
ebenfalls gestern um 18:00 UTC, über Japan.

Warum über Japan? Um den Bogen zur ersten nachgewiesenen
wissenschaftlichen Beschreibung des Jetstreams zu schließen. Diese
geht auf Wasaburo Oishi zurück geht, seines Zeichens Meteorologe,
sowie von 1930 bis 1945 zweiter Vorsitzender des japanischen
Esperanto Instituts. Oishi gründete 1920 das Tateno Observatorium in
der Stadt Tsukuba, etwa 60 km nordöstlich von Tokio, und beschäftigte
sich mit der vertikalen Struktur der Atmosphäre. Die Messmethode
seiner Wahl waren dabei sogenannte Pilotballons, unbemannte mit Gas
gefüllte Ballons, welche bei ihrem Aufstieg rein optisch vom Erdboden
mit einem Theodolit (effektiv ein Fernrohr an einem
Winkelmessinstrument) verfolgt werden, um dann aus trigonometrischer
Umrechnung Rückschlüsse auf die Zugbahn und Windgeschwindigkeiten zu
ziehen. Oishi wertete fast 1300 Pilotballon-Aufstiege aus einem
Messzeitraum von 1923 und 1925 aus, und obgleich die Messmethode
erheblichen Messfehlern unterliegt, beobachtete er in Höhen um 10 km
im Winter Winde mit einer Geschwindigkeit von etwa 70 m/s (252 km/h),
von West nach Ost ? den Jetstream.

Wasaburo Oishi kommunizierte diese Forschungsergebnisse durch
wissenschaftliche Veröffentlichungen auf Esperanto ? jener
Plansprache, welche 1887 von dem polnischen Linguisten Ludwik Lejzer
Zamenhof als internationale Hilfssprache entwickelt wurde ? wohl auch
in der Hoffnung damit ein größeres internationales Publikum zu
erreichen. Ob diese Wahl aufgrund der sehr geringen Verbreitung von
Esperanto in der Wissenschaft eher den gegenteiligen Effekt hatte,
ist nicht sicher. Sicher ist allerdings, dass Oishis
Forschungsergebnisse international weitestgehend ignoriert wurden.
Die Existenz des Jetstream wurde erst - über einige Zwischenschritte
- viele Jahre später generell anerkannt, mitunter als mit dem
Aufstieg der Luftfahrt (pun intended) sowohl anekdotisches
Pilotenwissen als auch die damit einhergehende Motivation zur
weiteren Erforschung beitrugen.
Abschließend sei erwähnt, dass Wasaburo Oishi im Frühjahr 1911 bei
einem Auslandsbesuch Expertise am damals bereits anerkannten
Meteorologischen Richard-Aßmann-Observatorium Lindenberg sammelte, an
dem bis heute die Vertikalstruktur der Atmosphäre in der sogenannten
"Lindenberger Säule" mit einer Vielzahl von in-situ und
Fernerkundungsverfahren vermessen wird.
(Die Bilder und Links zum heutigen Thema des Tages finden Sie wie
immer im Internet unter www.dwd.de/tagesthema.)

Dipl.-Met. Thorsten Kaluza

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 18.02.2026

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